good dog practice | Vertrauen
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Vertrauen

Es ist 22.00 Uhr und ich stehe am Fenster in meiner Wohnung. Draußen fliegen ganze Äste der Straße entlang. Sommerstürme können zum Beobachten so wunderschön und zugleich so heftig sein. Es schüttet. Keine Chance mit Leicester und Chai eine Runde draußen zu drehen.

 

“Es tut mir wirklich leid,” sage ich zu ihnen. „Es ist zu gefährlich, rauszugehen und es würde euch ganz und gar nicht gefallen. Ich verspreche, ich gehe mit euch mitten in der Nacht,falls ihr müsst. Jetzt sollten wir aber auf jeden Fall den Sturm abwarten. Ich will nicht, dass uns ein Baum erwischt…“. Ich fühlte, dass ich ihnen eine Erklärung schuldig sei, und ich erinnere mich, zu ihnen laut gesprochen zu haben. Wir gingen alle schlafen.

 

Es lief nicht gut mit mir und den Hunden. Chai war vor nicht allzu langer Zeit bei uns eingezogen, noch vollgestresst, unausgeglichen und stets dabei andere Hunde anzubellen. Leicester war erwachsen geworden und hatte angefangen, junge Hunde in der Hundezone anzugreifen. Ich war mit ihm in der Welpenschule gewesen, wo wir Verhalten wie “Sitz” und “Platz” übten. Ich dachte, ich täte alles richtig. Jetzt aber, wo er sich unangemessen verhielt, hatte ich weder eine Ahnung, wodurch diese Verhalten entstanden, noch eine Idee, wie ich meinen Hunden helfen sollte, ihren Alltag angemessener zu meistern. Das zerrte an mir emotional und ich fühlte mich wie ein Versager.

 

Hundetrainer rieten mir mehr zu mehr Gehorsamstraining, und Leute, die ihr ganzes Lebenlang schon Hunde hatten, meinten, ich sollte strenger sein und meine Hunde für schlechtes Verhalten bestrafen. Ich wollte aber nach wie vor meine Hunde positiv erziehen. Kennen Sie vielleicht dieses Dilemma auch? Heute kann ich klar erkennen, dass Leicester als Welpe von anderen Hunden schlecht behandelt worden ist. Damals verkannte ich noch bestimmte Situationen, dachte, sie gehörten zum Spielen dazu. Jetzt war er schon selber erwachsen und gab dieses übergriffige Verhalten an anderen jungen Hunden weiter.

 

Um 2.40 in der Früh stupste Leicester mit seiner Nase sanft meinen Arm an und weckte mich.

 

“Nützt nichts!” dachte ich. „Ich muss aufstehen.“ Ich schlüpfte in eine Hose und warf mir eine Jacke über meinen Pyjama. Es hat gerade aufgehört zu regnen. Ich öffnete das Fenster weit; die Luft im Zimmer war stickig. Wir machten uns auf den Weg.

Leicester und Chai inspizierten vom Sturm herunter gefegte Überreste von Bäumen und schnüffelten an der Luft, angenehm frisch vom Regen und Wind. Obwohl ich müde war, ließ ich ihnen Zeit. War nur fair. Sie haben ja so geduldig gewartet und dann so höflich um
eine Gassi-runde gebeten. Warum sie also nun unnötig drängeln?

 

Ich liebe die Straßen der Stadt, wenn sie ruhig und leer sind. Leicester und Chai nahmen sich ausgiebig Zeit, einen gefallenen Baum zu begutachten. Wie gut, dass ich es nicht riskiert habe, während des Sturms rauszugehen!

 

Plötzlich verließ Leicester den Baum. Chai und ich trotteten ihm zügig hinterher zu unserem Haus. Sie schauten weder links, noch rechts, kein Erforschen mehr im Sinne. Ich war recht froh darüber, denn ich wollte natürlich zurück ins Bett. Wir stiegen die Stufen zum vierten Stock hinauf. Ich öffnete die Tür, nahm ihnen Leine und Geschirr ab. In dem Moment, als ich mein Schlafzimmer betrat, schüttete es sofort drauf los, und ich eilte hinüber, das noch offene Fenster zu schließen…

 

Ich war verblüfft! Leicester hatte gewartet, bis der Sturm nachließ, mich genau zur richtigen Zeit geweckt, den Spaziergang bis auf die Sekunde genau geführt. Wie gut, dass ich ausnahmsweise klug genug war, auf ihn zu hören. Er legte sich auf seinen Platz hin und ich dankte ihm von Herzen: „Leicester, das hast du großartig gemacht!“ Er rollte sich auf den Rücken und ließ mich seinen Bauch kraulen. Er freute sich so, dass ich mit ihm zufrieden war!

 

In den frühen Morgenstunden ist mir bewusst geworden, was für Fähigkeiten meine Hunde doch haben und dass sie ohnehin tolle Arbeit als Hunde leisten! Ich begriff, dass sie eigentlich keine antrainierten Verhalten mehr brauchten. Was sie benötigten, war, dass ich sie und die Art, wie sie die Welt wahrnehmen, besser verstehe. Ich verstand nun, dass sie meine Aufmerksamkeit, meinen Schutz und meine Unterstützung benötigten. Ich habe zwar nach wie vor nicht gewusst, wie ich das bewerkstelligen sollte, aber ich war bereits so weit zu wissen, dass das der Weg aus meinem Dilemma war.

 

“Leicester, ich verspreche, dir immer zu vertrauen. Ich werde lernen, dich besser zu verstehen!“ Er wälzte sich auf den Rücken und sah das erste Mal seit Wochen glücklich aus. Am nächsten Tag meldete ich mich für meinen ersten Hundetrainerkurs an. Ich begann zu lernen, was meine Hunde wirklich brauchten, um sich sicher und erfüllt zu fühlen…. und eben mir zu vertrauen.

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